Wirtschaft: Blutbäder


[ Zauberspiegel Wissenschaft Ideenfabrik ]


Geschrieben von Emil am 15. August 2007 12:42:48:


von Bill Bonner

“Es gibt ein Blutbad hier draußen”, sagt eine Vertreterin von Market Street Mortgage in Houston.

Sie hat übertrieben. Auf den Straßen gibt es – bislang – nur wenig Blut. Einige wenige Hedgefonds haben versagt. Wenige tausend Haushalte haben ihre Häuser verloren. Einige wenige Kreditgeber sind untergegangen. Und fast eine Billion Dollar wurden aus dem amerikanischen Aktienmarkt gezogen.

Zugegeben, Jim Cramer scheint seinen Verstand verloren zu haben, aber er hatte auch von Anfang an nicht besonders viel davon. Und die Kreditindustrie wird ganz deutlich vorsichtiger.

“Alt-A Kreditgeber Aegis stoppt die Immobilienkredite”, heißt es in Nachrichten aus Houston.

„Keine weiteren ‚Lügner-Kredite’ für Impac Mortgage“, wird in einem anderen Bericht bekannt gegeben.

Die deutsche Bank IKB hat einen Bailout von 11 Milliarden Dollar erhalten.

Und eine Bibelschule in Kalifornien hat ihre Investmentbanker angeklagt. Sie sagen, sie hätten auf den nicht angemessenen Swaps von ihren kommissionsgierigen Beratern festgesessen.

Aber ich vermute, dass die wirklichen Blutverluste noch vor uns liegen… wenn Hunderte von Milliarden Dollar in den Hypotheken mit anpassbaren Zinssätzen neu eingestuft werden… und wenn Spekulanten feststellen, was sich hinter ihren Derivatpositionen verbirgt... und wenn die Anleger ängstlich werden... und wenn die Verbraucher irgendwann anfangen, wieder im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu leben.

Richard Russell geht davon aus, dass all das bloß die Erwartungen nach unten treibt… damit der Aktienmarkt in der Erwartung der dritten Phase dieses gewaltigen Bullenmarktes vollständig ausverkauft werden kann. Ich bin mir da nicht so sicher. Verbraucher, Investoren und Spekulanten sind schon seit einer Weile optimistisch und bullish. Abgesehen von einigen wenigen sehr kurz andauernden Rückschlägen, steigen Preise und Zuversicht seit 1982. Ich habe das Gefühl, dass diese Blase groß genug geworden ist. Aber natürlich liegt das nicht an mir, das zu entscheiden. Alles ist möglich.

Amüsant finde ich nur, dass die Presse nun schließlich doch anfängt, da Vertrauen zu schenken, wo es fällig ist. In zwei Artikeln, der eine in Forbes, der andere im Wall Street Journal, wird der von mir hoch geschätzte einstige Vorsitzende der Zentralbank, Alan Greenspan herausgegriffen.

“Unsere aktuelle Notlage hat ihren Ursprung in der lockeren Geldpolitik Greenspans vor einigen Jahren“, schreibt Martin T. Sosnoff in Forbes. „Als die risikofreien Zinssätze mit 1% festgelegt wurden, hungerten die Spieler an den Finanzmärkten nach höheren Erträgen, und bewegen sich aus dem Qualitätsspektrum der langsam reifenden Güter heraus. Versicherungsträger, Broker, Banken und einige Hedgefonds, die das Carry Trade Spiel spielen, haben Schläge beim Nettovermögenswert einstecken müssen, aber nicht genug, um sie dauerhaft zu lähmen.“

“Das Immobiliendebakel hat uns schon heute 1% aus dem Bruttoinlandsprodukt gekostet”, fährt der Artikel fort, “Glücklicherweise nähern wir uns schon dem ersten Jahrestag des Rückgangs bei den Neubauten, aber es wird noch mehr kommen und vermutlich bis 2009 keine Erholung geben. Preise für bestehende Häuser werden sich noch so lange jenseits der Höchstpreise befinden, wie das Land braucht, die Bestände an Neubauten und die kommenden Kreditaufkündigen bei den ausstehenden Hypotheken aufzusaugen.

Die Wall Street fügt Folgendes hinzu:

Als die Zentralbank die Zinssätze auf das geringste Niveau innerhalb einer Generation gekürzt hat, um einen ernsten Rückgang zu vermeiden, hat der damalige Vorsitzende Alan Greenspan damit rechnen müssen, dass es ungewollte Konsequenzen haben würde, die kurzfristigen Zinssätze so günstig werden zu lassen. ‚Ich weiß nicht, was es ist, aber wir verursachen irgendwelchen Schaden damit, denn das ist nicht die Art, auf die ein Kreditmarkt funktionieren sollte’ erinnert er sich, zusammen mit einem Kollegen, damals gesagt zu haben.

“Heute werden die Konsequenzen der Schritte, die die Zentralbank und andere eingeleitet haben, immer deutlicher.”

Die geringen Zinssätze, die durch die Zentralbanken und durch eine Flutwelle aus den Ersparnissen des Auslands ermöglicht wurden, haben die Immobilienpreise und die fremdverschuldeten Übernahmen angetrieben. Rentenfonds und Stiftungen, die mit dürftigen Erträgen unzufrieden waren, schaufelten das Geld in die Hedgefonds und die Private Equity Firmen, welche im großen Stile Kredite aufnahmen, um damit große Wetten machen zu können. Die Investitionsziele erster Wahl waren undurchsichtige Finanzinstrumente, die das Ausfallrisiko von den Kreditnehmern an die weltweiten Investoren weiterreichten. Die Frage, die sich heute stellt, lautet: Wird die Welt besser dastehen, wenn sich der Staub erst einmal gelegt hat?

Ich habe diese Frage bereits beantwortet: Ja und Nein. Dieser Boom hat zwei Seiten – und das macht es so verflucht schwierig, ihn zu verstehen. Da ist die eine Seite, auf der die Leute echte Unternehmen aufbauen, echte Löhne zahlen und echte Profite erwirtschaften. Da wo das passiert, überwiegend in Asien – ist die Welt schon heute ein besserer Ort... und wird mit jedem Tag noch besser.

In dem anderen Teil ist der Boom Betrug. Die Leute, die nicht wirklich mehr Geld verdienen, sind von leichten Krediten in die Verschuldung gelockt wurden und sie wurden dazu verführt, mehr auszugeben, als sie sich leisten können. Ihre Ausgaben haben dazu beigetragen, die Wirtschaft in Asien anzukurbeln... doch haben sie die eigene Wirtschaft in der Heimat damit zerstört. Diese armen Trottel sitzen heute tief in der Patsche. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie mehr Geld verdienen werden. Und ihre Lebenshaltungskosten steigen deutlich – dank der steigenden Kaufkraft ihrer neuen Wettbewerbsgegner in Asien und anderswo.

Vor diesem großen Boom hatten sie das Öl und die Rohstoffe der Welt fast ganz für sich allein. Doch heute sind zwei Milliarden Menschen hinzugekommen, die ihre Angebote dafür abgeben – unter anderem auch für die Lebensmittel die auf unseren Tischen stehen. Wenn die Menschen im Westen erst einmal hinter das kommen, was gerade vorgeht – falls sie es je begreifen – dann wird das wirkliche Blutbad kommen.






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