Wirtschaft: Was der Mensch sich wünscht ...


[ Zauberspiegel Wissenschaft Ideenfabrik ]


Geschrieben von Emil am 20. Juni 2007 12:35:11:

Wieder sind wir um eine Woche dichter an dem Tag, an dem das Imperium der Blase in die Luft gehen wird.

Wann? Wie?

Ach, liebe Leser, wenn ich es Ihnen erzählen würde, dann würde die ganze Spannung ruiniert. Abgesehen davon ist es dem Menschen nicht vergönnt, sein Schicksal zu kennen. Und an dieser Stelle will ich Ihnen ein kleines Geheimnis verraten ... wenn man keine gute Antwort hat, dann kann man immer noch die Klassiker zitieren.

Und was sagen die Klassiker?

“Was der Mensch sich wünscht, das hält er auch für wahr.“

Die Menschen ziehen die Täuschung der Wahrheit vor. Lügen, ganz besonders schmeichelnde Lügen, tragen dazu bei, dass man sich gut fühlt. Sie sind angenehm und beruhigend, wie Diät-Cola – süß und leer. Die Wahrheit ist im Gegensatz dazu zu stark. Sie stört unsere Verdauung und erschwert den Schlaf.

Nein, liebe Leser, wir wollen täglich unsere Verlogenheit.

Eine der angenehmen Lügen, die die Leute heute hören wollen, besagt, dass die steigenden Preise der Anlagewerte, der treibende Puls einer Wirtschaft, von guter Gesundheit sind. Und das ist eine der vielen Flunkereien, von denen sich die Amerikaner glücklich tagtäglich umschmeicheln lassen.

Dieser Tage steigen die Kurse von fast allem. Uhren, Flugzeuge, Briefmarken, Aktien in Simbabwe, Aktien in Indien – was immer Sie wollen. Wenn die Preise für Anlagewerte ein Maß für Gesundheit sind, dann sind fast alle Ökonomien der Welt heute so gesund wie olympische Athleten.

Ganz vorne im Feld sind natürlich die Chinesen – die wirklich wie Titanen wirken. Sie sind bei jeder Sportart vorne. Schon jetzt preschen sie fünfmal so schnell wie die Amerikaner nach vorn, und in der jüngsten Zeit sprinten sie noch schneller voraus und lassen die Ökonomen sprachlos zurück. Am Ende des fröhlichen Monats Mai lag die Produktion der chinesischen Fabriken, Minen und Anlagen 18% höher als im Vorjahr. Insgesamt wuchs die Wirtschaft mit einer Wachstumsrate von 11,1% während des ersten Quartals. Und die Honda Motor Company sagt, bei ihrer Produktionsanlage in China würde man in diesem Jahr eine Produktionssteigerung von 71% erwarten.

Chinesische Spekulanten haben kürzlich ihre Shanghai-Aktien ausverkauft, aber der Markt ist immer noch ganz oben und es sieht so aus, als wollte er in jeder der vor uns liegenden Wochen noch weiter nach vorne preschen. China schwimmt im Geld und hat mehr als eine Billion Dollar an Reserven. Und an jedem Arbeitstag verdienen sie eine weitere Milliarde Dollar an Handelsüberschüssen.

Wenn man den Presseberichten glaubt, dann bauen die Chinesen alle zwei Wochen eine neue Stadt von der Größe Detroits und sie bauen eine Fabrik in der Zeit, in der wir unser Mittagsschläfchen halten.

Und jetzt kommt auch die indische Mannschaft nach vorne. Dem International Herald Tribune zufolge sprinten die Inder – und sie beschleunigen noch in der Kurve. Der Sensei Index hat die 14.000 Punkte durchbrochen und die industrielle Produktion ist bis April um 13,6% gestiegen.

Der Westen läuft auch mit, aber die wirklichen Ökonomien – die mittleren Alters und dick und sklerotisch vor lauter Steuern und Regulationen – schnaufen und hecheln wie Asthmatiker, die ihre Inhalatoren verloren haben. Detroit würde vielleicht gerne mit Chennai in den Wettbewerb treten, aber Detroit ist alt und nicht in Form.

Die Leute, die einst an den Fließbändern standen, fangen auch an, sich Fragen zu stellen. In Detroit packen sie zusammen und ziehen aus. In allen anderen Teilen des Landes, haben die Hypothekenkündigungen im ersten Quartal einen Rekord erreicht, sagt Bloomberg. Und unten in Südkalifornien sind die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 34% gesunken.

Doch was ist das? Die Durchschnittspreise sind überall im Golden State gestiegen, Wie kann das sein? Ich habe eine Theorie: Ein großer Teil des Konjunkturrückgangs tritt im zweitklassigen Markt auf – wo die Preise am geringsten sind. Wenn ein Großteil der Verkäufe, zu denen es nicht kam, die weniger kreditwürdigen Kunden betraf, dann muss der durchschnittliche Verkaufspreis steigen.

Hier in Großbritannien steigen die Immobilienpreise derweil auch weiter. Aber ist das gut? Die Daily Mail denkt, dass dem nicht so ist. „Der Alptraum der Hauspreise hat das ländliche England schon erreicht“ heißt es in einer Schlagzeile.

In Großbritannien gehen die Hauspreise genauso wie in den USA nach oben, die Einkommen jedoch nicht. Das Haus des Engländers mag sein „Castle“ sein, aber diese Castles werden heute in vielen Orten für das zehnfache dessen verkauft, was ein Durchschnittsverdiener in England bezahlen kann. Nur 55% der Engländer können sich bei den heutigen Preisen noch ein „Home Sweet Home“ leisten. Im reichen Süden liegt die Zahl bei nur 30%.

Aber das ist das Problem mit der Wahrheit. Dahinter steckt viel Zweideutigkeit, Ironie und manches Paradox. Engländer oder Kalifornier, die heute ihre Häuser verkaufen und nach Paraguay auswandern, gehen mit Sicherheit als Gewinner aus diesem Spiel hervor. Aber derjenige, der ein Haus kaufen will, wirkt wie ein Verlierer.

Bill Bonner





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